Vintage 101: Glasobjekte aus "Murano" (Original oder Fake?)

“Murano Glas” ist der am Häufigsten genutzte Schlagwort im Zusammenhang mit Glasobjekten und wird mittlerweile leider häufig pauschal verwendet, um Objekte besonders hochwertig aussehen zu lassen. Doch was steckt hinter der Begrifflichkeit? Wir klären auf!

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Das Sammlergebiet “Modernes Glas” wird immer beliebter und umfasst meist das sog. Kunstglas des 20. Jahrhunderts, welches vom Künstler entworfen in Hütten und von Handwerkern als Einzelstücke oder in geringer Stückzahl ausgeführt wurde. Berühmt für tolles Design und hervorragende Qualität sind Glasobjekte aus Murano, der berühmten italienischen Glasbläserinsel vor Venedig!

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Die berühmte Glasinsel Murano

Die kleine Laguneninsel Murano bei Venedig war bereits im 13. Jahrhundert eine bedeutende Glasmachersiedlung, in der alle Bewohner von der Glasmanufaktur lebten. Derzeit war Venedig das wichtigste Handelszentrum des östlichen Mittelmeerraumes und Ägypten. Da der Glashandel boomte und Glasbläsereien immer stärker anwuchsen, wurden sie wegen der Brandgefahr aus Venedig raus und auf die Nebeninsel Murano verlegt. Die war jedoch nicht der einzige Grund: Die Konzentration der Glasmacher auf Murano hatte ebenso zur Folge, dass die Fabriken mit ihren speziellen Glastechniken vor den neugierigen Blicken Fremder sicher waren und die Geheimnisse geschützt waren. Durch eine strenge Gesetzgebung versuchte der venezianische Staat sogar, die Glasherstellung außerhalb der Republik Venedig zu erschweren und Auswanderungen von Glasherstellern zu verhindern, um die Monopolstellung weiterhin zu sichern und auszubauen. Erst im späten 17. und 18. Jahrhundert wanderten die ersten venezianischen Glasmacher trotz strenger Reglements aus, um überall in Europa (insbesondere in den Niederlanden, Deutschland und Österreich) neue Glashütten zu gründen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in der Epoche des Jugendstils wurden die Muraneser Glashütten durch die Glasmacher Frankreichs fast vollkommen in die Bedeutungslosigkeit gedrängt. Das entscheidende Comeback erhielt die Glasindustrie Muranos erst nach dem zweiten Weltkrieg, als Paolo Venini mit seinen Designs und neuartigen Techniken die Basis für einen erneuten Höhepunkt des venezianischen Kunstglases legte.

Die Kunst der Glasgestaltung in den Mid-Centuries

Stil und Formgefühl wurde in Europa Ende der 40er Jahre wesentlich von den aus Italien stammenden angewandten Künsten geprägt. Das Lebensgefühl der Menschen damals, die in der Nachkriegszeit einen Aufschwung und das Wirtschaftswunder erlebten, drückte sich in der eleganten, leichten Formgebung italienischen Designs aus. Es erstreckte sich über das Kunsthandwerk, die Innen- und Außenarchitektur und auf die freie Kunst aus. Alltagsgegenstände, wie Vasen und Schalen, wurden in den 50er und 60er Jahren skulptural aufgefasst. In Kombination mit der typisch bunten Farbpalette der italienischen Gläser wurden Designliebhaber in ihrer Lebensfreude angesprochen.

Die Glasherstellung ist ein rasch abrollendes Drama, das sich bei keinem anderen Material abspielt. Jeder hat eine Hauptrolle, und der Künstler selbst ist Regisseur. Gelingen oder Versagen hängt von der Intensität und Konzentration des Ensembles ab.
— Edward Hald

Murano heute

Noch heute sind in Murano viele berühmte Glasmanufakturen wie Venini, Barovier & Toso oder Seguso ansässig. Aufgrund des aktuellen Revivaltrends von Mid-Century Einrichtungsgegenständen (40er bis 70er Jahre), haben viele Manufakturen ihre alten Designs wieder neu aufgelegt. Gerade in den 80er und 90er Jahren wurden Murano Glasdesigns zahlreich gefälscht und Original-Etiketten kopiert. Beim Kauf eines originalen Vintage Murano Objektes ist also stets ein geschultes Auge ratsam, um Vintage von “neu aufgelegten” oder gefälschten Produkten zu unterscheiden!

FAKE or REAL? Darauf solltest Du beim Kauf achten!

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  1. Signatur: Besondere Stücke namhafter Designer oder Manufakturen haben ihre Stücke mittels einer Ätzung in das Glas signiert. Halte das Objekt gegen das Licht, denn oftmals sind die Signaturen schwer zu entdecken!

  2. Original-Klebeetiketten: Ist das originale Etikett noch vorhanden, hast du Glück! Schau dir das Design, Qualität und die Aufschrift genau an. Ein geschultes Auge kann daran das Alter ablesen, die heutigen Etiketten unterscheiden sich erheblich.

  3. Alters-/Gebrauchsspuren: Wasserränder (Kalkränder) oder Kratzspuren an der Bodenseite weisen auf ein gewisses Alter hin. Auch Staubreste, die sich über Jahrzehnte hinweg in der Mitte absetzen und nur äußerst aufwändig zu reinigen sind, können als Beweise dienen.

  4. Glasqualität: Massiv, schwer und dick sind die hochwertig verarbeiteten Glasobjekte der Mid-Centuries im Gegensatz zu den massenproduzierten Glasprodukten von heute.

  5. Glasfarbe: Halte dein Objekt gegen das Licht! Das “Klarglas” (durchsichtige Glas) war vor Jahrzehnten nicht wirklich klar, sondern gelblich, gräulich oder grünlich. Außerdem verfärbt sich Klarglas mit den Jahren, wenn es etwa dem Sonnenlicht ausgesetzt wird.

Alles entscheidend für die Bestimmung des Alters bzw. der Originalität ist letztendlich die Perfektion der Ausführung des Glases! Schau dir die Stücke genau an und fühle die Oberfläche des Glases. Wenn du dabei kein gutes Gefühl hast, lass es lieber zunächst sein. Bei Fragen kannst du uns auch jederzeit gerne kontaktieren!

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Text-Quellen:

(1)  Lutzeier, S. (1993): Modernes Glas von 1920 - 1990.