Vintage 101: Die "Fat Lava"- Keramik der Mid-Centuries

Allgemein umschreibt der Begriff “Fat Lava” die westdeutsche Industriekeramik der Wirtschaftswunderzeit (1950er bis 1970er Jahre), die durch starke Expressivität und scheinbar willkürlich und unharmonisch wirkende Designs auffällt: Dunkle Inkrustierungen und aufgequollene Glasuren erinnern an Asche, Lava und Brutalismus. Unter den Pocken und Buckeln glänzen die Farben der Op-Art: Signalrot, orange und gelb – Wahnsinn! Doch woher kommt die Bezeichnung „Fat Lava“? Wie ist der Trend entstanden?

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„Fat Lava“ – ein Ebay-Phänomen?

Tatsächlich ist der Begriff eine Schöpfung des Internets. Anfang der 2000er tauchte er erstmals auf der Online-Plattform Ebay auf und wurde für die Umschreibung von Vasen mit dicken Glasuren verwendet. Deutsche Verkäufer hatten das Adjektiv „dick“ (eng. „thick“) mit dem englischen Wort „fat“ sehr wörtlich übersetzt. Da viele Glasuren optisch an Lavagestein erinnerten, etablierte sich der Ausdruck „Fat Lava“ und verbreitete sich schnell. Mit dem Begriff gehen heute jeoch mehrere Bedeutungen einher!

Der Terminus Technicus

In der Glasurtechnologie werden schaumartig aufgeblähte Glasuren als Lava- bzw. Kraterglasuren bezeichnet. Diese entstehen durch Gasbläschen, die entweder bereits in der Glasur enthalten sind oder sich durch Zersetzungsvorgänge und den Kontakt mit Luft während des Brennvorgangs bilden. Beim Erhitzen dehnen sich die Gase aus und wandern durch die Glasur zur Oberfläche, wo sie beim Kontakt mit Luft platzen und kleine Krater bilden. Die Blasen, die beim Erstarrungsprozess noch in der Glasur eingeschlossen verbleiben, blähen diese auf. Das Ergebnis ist ein Look von natürlicher Lava.

Lavaglasuren können bereits in Arbeiten der 50er Jahre nachgewiesen werden.  Größere Verbreitung fand die Technik jedoch in den 60er und 70er Jahren. Durch das interessante Aussehen stießen diese Keramiken auf große Begeisterung bei den Kunden.

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Die Stilepoche

Die Keramikproduktion in der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung kann als kunstgeschichtliche Einheit angesehen werden. Das Erscheinungsbild der Keramik war damals von gesellschaftlichen Entwicklungen und Modetrends beeinflusst. Sehr typisch in der Keramikkunst waren eben die Lavaglasuren. Per Definition wird bei einem Kunststil eine charakteristische Ausdrucksform vorausgesetzt. Das trifft sicherlich für diese Schaumglasuren zu und so ließen sich die 1950er Jahre mit den 1970er Jahren gut verbinden.

„Fat Lava“ oder auch „West German Pottery“ – ein Fachbegriff in Sammlerkreisen 

Inzwischen ist die Bezeichnung „Fat Lava“ für diese Keramiken unabhängig vom Aussehen und von der Beschaffenheit der Glasuren allgemein gebräuchlich. Jeder Sammler weiß, was gemeint ist und kann die Werke anhand des Designs und ihrer Qualität dieser Stilepoche zuordnen. Ein genauso etablierter Begriff ist „West German Pottery“. Obwohl tatsächlich ein Großteil dieser Keramiken in ehem. Westdeutschland produziert wurde, ist dieser Begriff zu beschränkt. Im Ausland (Dänemark, Italien, Frankreich) wurden z.T. ähnliche Keramiken gefertigt, die in Sammlerkreisen ebenfalls sehr beliebt sind.

Text-Quellen:

(1)  Thomas, M.P. (2018): Der "FAT LAVA STIL". Deutsche Zierkeramik der Nachkriegsjahre. 

(2)  Thomas, M.P. (2007): Deutsche Keramik und Porzellane der 60er und 70er Jahre: Ein Wegweiser für den Sammler.